"Das Männer-Prinzip"

Am Ende. Liebe.

Verschiedene Auszüge aus Systemischer Erzählung

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Copyright Autor Uwe Pettenberg, 28. Juni 2016 – gesamt 178.770 Zeichen (mit Leerzeichen)

Neunzehnhundertdreiundsiebzig. Er.

Genau betrachtet war es ein Tag wie jeder andere. Dass jedoch genau dies das Besondere an diesem Tag, wie auch an allen anderen sein sollte, begriff ich erst viel später. Denn ganz besondere Tage zeichnen sich durch eine ganz banale Einfachheit aus: den Tag wahrhaftig und wirklich selbst erlebt zu haben und zwar bewusst und intensiv. Denn es gibt sie wirklich, die spannende Aneinanderreihung außergewöhnlicher Tage.

Mein Leben wird langsam zur Qual. Angst und Vorsorge. Fragen nach dem Tun und Sinnhaftigkeit im Leben. Es wirkt gleichförmig und anstrengend und schmeckt abgestanden, bestenfalls nach Mottenpulver. Um diesem schmerzlichen Gefühl zu entgehen, träume ich mich regelrecht aus dem Leben. Ja, feige herausgestohlen und mich damit um das Selbige beraubt. Ernüchternd! Ich sterbe in meinem noch relativ jungen Jahren, begraben wird man mich aber erst mit Neunzig. Nicht gut.

Es geht auch anders. Irgendwie begann „es“ an diesem Regentag. Und wie so oft, trübt dies bereits am Morgen meine Stimmung, ziemlich. Kellerstimmung. Das Schlafzimmer riecht abgestanden - wie mein Leben. Die klapprigen Holzfensterläden sind noch verschlossen, trotzdem kann ich die Gleichförmigkeit des Dauerregens durch die schmalen Schlitze erahnen. Die Pseudomotivation, also die neuerdings populär propagierte Auffassung in allem etwas Gutes sehen zu müssen, regte mich allein schon in meinem Kopf auf. Nach diesem „Ich-finde-heute-mal-alles-gut-Syndrom“ müsste ich mich an diesem verregneten Sommertag darüber freuen, meinen Rasen nicht sprengen zu müssen und damit Zeit zu sparen. Doch es scheiterte schon daran, dass ich gar keinen Rasen habe, weil ich auch gar keinen Garten besitze. Und manchmal schien es mir, dass ich genau darunter litt: Ich hatte einfach nicht das, was ich mir wünschte. Ich war permanent im Mangel. Nicht, dass ein Garten das Allerwichtigste im Leben gewesen wäre, aber ein kräftiger Rasen verkörperte für mich Natur und Natur ist Manneskraft. Und überhaupt zu einem ordentlichen Rasen gehörte eigentlich auch ein ebenso ordentliches Haus. Was immer ein ordentliches Haus auch sein mag. In jedem Falle gäbe es darin eine Familie. Und genau diese Familie hätte ich gerne gehabt. Vaterkraft. Doch an diesem Morgen wollte ich nicht weiter darüber nachdenken. Das machte für mich doch alles keinen Sinn. Mist, das kühle Nass da draußen war schon schlimm genug, warum dann noch über meine Mangelerscheinungen sinnieren?

Ich grüble aber doch. Logisch. Wieder einmal. Oder doch immer noch? Denn so war das, auch wenn ich etwas nicht wollte, trat es ein. Besonders Gedanken. Und dann auch das, was ich in meinen Gedanken am meisten befürchtete. Hier funktionierten diese seltsamen magischen Gesetze plötzlich. Wenn ich etwas nicht wollte, dann kam es. Mann, dass mit dem Leben ist schon verrückt.

Es zu schaffen, endlich aus meinem Bett zu finden, den wärmenden Ort kuscheliger Geborgenheit, der mich an ein Vogelnest erinnerte, in dem Mutter Vogel vorbeischaut und Nahrung bringt, zu verlassen, kostete mich ziemliche Überwindung. Und schon war ich wieder beim Thema! Hätte ich mir doch gewünscht, nicht immer alleine aufstehen zu müssen. Wenn ich morgens die Augen aufschlüge in ebenfalls noch vom Sandmännchen gezeichnete verschlafene Augen blicken zu dürfen, die mich so verzaubern würden, dass sich selbst der morgendliche Mundgeruch des Partners in Wohlgeruch wandeln würde. Aber so war es eben nicht. So wie ich alleine aufstand, trank ich jetzt auch alleine meinen Kaffee und esse mein vertrocknetes, fast schon schimmelndes Schwarzbrot. Denn niemand bringt mir an diesem Morgen frische Semmeln oder fordert mich wenigstens auf, es zu tun.

Ich entdecke mein Konterfei im Spiegel. Ein irgendwie verschobenes Bild eines jungen Mannes, Ende 30, den ich da erkennen muss. Seit Tagen hatte ich mich nicht rasiert. Kein gutes Zeichen. Winzige Aknenarben, die meist nur mir auffielen und mich immer wieder an meine Kindheit erinnern sollten. Gelbe Pusteln, Stecknadelkopfgroß hinderten mich an einem unbeschwerten Kontakt mit dem anderen Geschlecht. Nicht das ich heute noch Pickel in der Fresse hatte, aber die Vermeidungsstrategie, also die Angst und die Scham vor der Berührung anderer ist mir geblieben. Keine Frage, wer mich von früher kennt, kann sich vorstellen, dass ich mein verschobenes Aussehen kompensieren musste. Vergebens, es hat nicht geholfen. Aus meinem Leben ist ein ganz normales Leben geworden, wie sehr ich es mir auch anders gewünscht habe. Normal. Scheiß normal. Gelben Gesichtsverrunkeln sind den ersten grauen Haaren gewichen. Meine langen Kotletten im Elvis-Stil gefielen mir immer noch nicht, aber es war gerade irgendwie modern. Ganz normal? Ich nahm den Rasierer in die Hand, wechselte die scharfe Klinge, beinahe hätte ich mir dabei wieder einmal in die Finger geschnitten, und begann mit meiner Morgenpflege. Als die ersten Stoppeln ins Waschbecken fielen, blickte ich mir tief in meine blauen Augen, die noch immer leicht gerötet waren. Wer war ich eigentlich? Noch normal? Simon. Simon Ehrenleben. Auch wenn ich meinem Namen gerade keine Ehre machte. Es viel mir schwer dem Leben die Ehre zu erweisen. Was war ich? Elvis bestimmt nicht. Dem ging es, wie man so hörte, auch nicht wirklich gut. Angeblich hat er mit Alkohol ein Problem. Was bewegt Menschen Alkohol zu trinken? Hatte auch ich schon einen erhöhten Konsum? Aber überall wurde doch kräftig gepafft und gesoffen? In meiner Branche erst Recht. Apropos Arbeit? Ich blicke erneut zum Fenster hinaus. Es regnet immer noch. Was sonst?

...

Dreißig Minuten später ist meine äußere Umwelt eine andere und ich verdrücke mir die Gedanken an meinen, fast hätte ich gesagt „unseren“, letzten Urlaub. Ein stickiger, grauer, metallverblendeter Aufzug spiegelt mein immer noch verknittertes morgengraues, aber nun ordentlich rasiertes Gesicht und befördert mich von der Oberwelt in die Unterwelt – wow, tatsächlich habe ich den Weg in die Tiefgarage gefunden. Nur wenige Häuser verfügten über einen solchen Luxus. Unterirdische Garagen waren den Neubauten vorbehalten. Zwar regnet es hier nicht, doch erwartet mich ein neues Problem: blau, verschlissen, Lack ziemlich in die Jahre gekommen, es war meine betagte Schrottkiste. Andere hielten sie schon fast für einen Oldtimer. Fanden, dass dieses Auto zu mir und meinem „verknitterten“ Auftreten passen würde. Sollte das eine überspitzte Darstellung meines lässigen Auftretens sein. Ich war nicht lässig. Nur gespielt. Keiner wusste anscheinend, wie es mir wirklich geht. Wie auch, ich strahle ja immer und jeden an, passe mich an, um nicht wirklich aufzufallen. Und so lässig mein Auto für andere auch sei, mich regen die ständigen Reparaturrechnungen zunehmend mehr und mehr auf, weil sie mich nicht nur Geld sondern auch Lebenszeit und damit Energie kosten. Zeigte sich Ebbe in meinem Geldbeutel, konnte sich „Fred“ wieder über ein neues Organ freuen. Ich nannte ihn so, weil sein Zulassungsdatum im Jahre ´58 auf den Namenstag „Ferdinand“ fiel und ich damals durch diese Vermenschlichung einen „Freund“ mehr in meinem Leben wähnte. Nach einigem Rütteln und Schütteln springt „Fred“ an. Wir beide machen uns auf den Weg aus der dunklen Betonhöhle. Nicht wirklich ins Licht, aber eben in den Regen und damit in die Welt da draußen.

Den Weg zur Arbeit finde ich im Schlaf. Wie fast jeden Tag nutze ich die allmorgendlichen 20 Minuten zum weiteren unfreiwilligen Träumen. Ich staue und staune mich von einer Straßenecke zur anderen - wo kamen nur die vielen Menschen und die vielen Autos her? Zu so früher Stunde? Alle schienen immer das Gleiche zur immer gleichen Zeit zu tun? Waren wir alle so gleich in unserem Tun? Hatten wir nichts Besseres zu tun, als alle den gleichen Weg zu nehmen? Anscheinend nicht. War das noch normal? Anscheinend schon? Hätte diese rituelle Art der Fortbewegung nicht all meine Aufmerksamkeit gefordert und hätte ich nicht die Augen mit höchster Konzentration offen gehalten, um keine anderen Passanten oder Verkehrsteilnehmer zu gefährden, hätte ich vor mir selbst zugeben können, dass es mich ermüdete, jeden Morgen das Gleiche zu tun. Just in dem Moment, als ich diesem wiederkehrenden Gedanken nachhing, komme ich hinter einem Müllwagen zum Stehen. Ich warte. Warte. Noch etwas. Und warte. Spinne meine Gedanken weiter und dachte über den kommenden Tag und meine anstehenden Verpflichtungen nach. Wie in Trance. Nichts schien mehr im Außen weiterzugehen, die Zeit schien still zu stehen und meine Wahrnehmung reduzierte sich auf Slow-Motion-Modus. Hinter einem Orange farbigem LKW zu stehen, der gewaltig abgestanden und ziemlich menschlich nach Zivilisationsmüll stank, förderte meine Laune auch nicht wirklich. Und ich warte weiter, weiter, weiter – immer noch. Erst das energische Hupen eines Autos hinter mir, reißt mich aus meiner morgendlichen wachkomatösen Halbschlafsituation und ich kapiere endlich, dass ich hinter einem Müllmonster stand, das parkt. „Müllkapitän“ und Besatzung zogen es gerade vor, in der Bäckerei nebenan Verpflegung für den anstehenden Arbeitstag einzukaufen. Erst jetzt fällt mir die Aufschrift auf der Rückseite des Fahrzeuges auf: „Wir halten ihre Stadt sauber!“ „DANKE, ihr Sauberärsche, momentan verhindert ihr meine freie Fahrt, mein Leben!“ schreie ich innerlich und selbstverständlich angepasst, lautlos. Ich überhole. Und wie durch ein Wunder war nun nach diesem städtischen Sauberfahrzeug nahezu kein Auto mehr auf der Straße. Plötzlich habe ich freie Fahrt.

Eigentlich könnte mir spätestens jetzt ein Licht aufgehen, dass diese kurze Episode mein ganzes Leben widerspiegelt. Ich stehe, warte und träume. Und hatte dabei keine Ahnung, was abgeht. Dafür klage ich aber gerne andere an, weil sie mir vermeintlich im Wege stehen. Dabei wäre alles so einfach. Ich müsste nur einmal kurz und beherzt den Rückwärtsgang einlegen, die Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachten, Abstand gewinnen und ich hätte wieder freie Fahrt! Einfach Gas geben ... Freie Fahrt für einen freien Bürger, oder wie das so gut deutsch hieß, in jedem Falle ein freies Leben für mich. Doch genau das habe ich eben nicht, ich bin nicht frei.

...

Als ich nun weiter durch die Straßen fahre, fällt mir an einer der nächsten Ampeln auf, dass sich durch meine schwungvolle Fahrt das Handschuhfach geöffnet hat. Keine große Leistung, denn der Klappe aus Pappe, die mit Kunstleder überzogen war, hatte sich aufgrund der vielen Jahre und deren heißen Sommer, verzogen, so dass sie sich gerade jetzt geöffnet und schwach beleuchtet, mein Reparaturhandbuch „Selbermachen: Jetzt helfe ich mir selbst! Tipps und Tricks rund um ihr Fahrzeug!“ offenbarte. Spannend, für alles gibt es eine Anleitung, meist gründlich nach neuer deutscher DIN-Norm, damit auch gar nichts in die Hose gehen kann – für das Leben nicht. Wie gut könnte ich jetzt so ein Nachschlagewerk gebrauchen. Was würde ich aufschlagen? Rubrik „Hilflosigkeit“? „Selbstwert“? Oder noch besser gleich „Ziellosigkeit, totale“? Und dann? Nicht nur ich hätte eine solche Anleitung. Würden wir dann alle auch das Gleiche in der Anleitung Beschriebene tun? Hätten wir dann alle die gleichen Ziele, was nun ja auch keine Lösung wäre? Oder hätten wir doch die Wahl? In jedem Falle hätte mir schon eine einfache Erklärung gereicht, ein Wink, ob ich noch auf dem Weg oder schon total von der Strecke abgekommen war. Oh, wie angepasst, dachte ich, wenn ich nicht endlich einmal vom Weg abkomme, bleibe ich wirklich noch auf der Strecke. Immer aufzupassen, dass nichts passiert, dann wird auch rein gar nichts in meinem Leben passieren! Langweilig. Mein Wunsch wurde täglich größer, mein Leben zu verstehen. Wie schwer musste es mir fallen, vorwärts zu leben, wenn ich nicht einmal mein bisheriges Leben im Rückspiegel verstand?

Es bedurfte keiner hellseherischer Fähigkeiten meinerseits um zu wissen, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Laune meines Chefs kein Quäntchen besser sein würde als meine. Ich habe das Büro noch keine 10 Minuten eingenommen, da kommt mir bereits sein durch Kaffee und Zigarettenrauch geschwängerter Mundgeruch entgegen und lässt mich nichts Gutes erahnen. Denn Chris, ein Amerikaner, der neuerdings in unserer deutschen Firma arbeitete, hatte scheinbar wieder eine „Frühschicht“ eingelegt. Und so wie er aussah und wie er roch, hatten es selbst die Männer von der Müllabfuhr geschickter eingefädelt, denn sie hatten sich wenigstens ein ordentliches Frühstück gegönnt. Chris verzichtet gerne.

...

Aber all diese Gedanken machen den Tag natürlich nicht besser. In einer Art Trance hangele ich mich irgendwie durch den Vormittag und schaffe es, zügiger als erwartet, zur unverdienten Mittagspause zu kommen. Eine große Freude und das erste Highlight des Tages schien gerade jetzt die geniale Currywurst in unserer Kantine zu sein. Friede! Leblos auf dem Teller ergibt sie sich ihrem Schicksal, jeder von uns hat ja eines... Sie widerspricht nicht, kümmert sich nicht um den Regen und war mir jetzt an dieser Stelle bedingungslos ausgeliefert. Noch ehe dieser Satz zu Ende geht, ist sie weg. Ich starre auf den nun wurstlosen, leeren Teller und dem restlichen Curryketchup. Irgendjemand hatte mir einmal erzählt, dass man aus Mokkatassen bzw. einem Kaffeesatz, der nach dem Austrinken darin verblieben ist, die Zukunft lesen könne. Ich versuche also dem Curryketchup meine Zukunft zu entlocken. Doch diese Weisheit erschließt sich mir gerade leider nicht. Nun beginne ich verträumt mit meinem Finger in der verbleibenden Soße zu malen und bemerke zunächst nicht, dass mich dabei die Team-Sekretärin aus der Parallelabteilung, mit der wir in starkem internen Wettbewerb standen, beobachtet.

Um die Tatsache, wie ich bei ihr ankam, um mein „standing“, wie es bei uns im Laden nun so schön „amerikanisch“ heißt, musste ich mir nun aber auch keine weiteren Gedanken mehr machen. Denn ihr Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass sie meine Tellerschmierereien nicht für kreativ, sondern eher für psychopathisch hielt. Bingo, Volltreffer! Sie wird mich bei der nächsten Konferenz „Gemeinsam gegen die Großen“ noch weniger unterstützen. Dass diese Sitzung schon morgen anstand wurde mir gerade jetzt wieder ins Gedächtnis gerufen und lag mir damit nun noch schwerer im Magen als meine eben erlegte Currywurst. Mein Magen gluckste vor sich hin, zeigt mir damit, dass er gerade Schwerstarbeit leistet und jegliches Blut für die Verdauung benötigen wird, auch das aus meinem Gehirn, um die Sache wieder ins Lot zu bringen. Eigentlich hätte ich jetzt einen Schnaps gebraucht, wie es mein Großvater an einem solchen Zeitpunkt der Nahrungsverwertung gerne vorschlug. Ich schlafe fast ein.

Was den restlichen Tag – neben der Verdauung meiner Wurst - weiterhin um mich geschieht, kann ich uns an dieser Stelle durchaus ersparen. Es war eben das, was immer geschah, und ich glaubte, daran nichts ändern zu können. Lösungen, die uns so nah sind, bleiben uns meist verschwommen, weil sie ganz still und ohne Ausrufezeichen in Erscheinung treten.

Dank der Präsentationsvorbereitung mache mich erst am späten Abend aus dem Büro. Es hatte zu regnen aufgehört, dafür war es nun dunkel. Arbeitszeittechnisch gesehen im Sommer kein gutes Zeichen - es musste nach 22:00 Uhr sein. Auch der Parkplatz zeugt davon, dass ich wirklich der oder das Letzte im Büro bin! Also, in jedem Fall ist der Parkplatz eben leer, bis auf die Bäume, die ihn einzäunen. Der Efeu, im Boden verwurzelt, klammert sich an die Birken, als fürchte er um sein Leben. Ich spüre den harten, immer noch regenfeuchten Asphalt unter meinen dünnen Ledersohlen. Die Distanz zu meinem Auto schien nach diesem Tag noch länger als sonst und der Weg zog sich unendlich lang. Es fühlt sich plötzlich wieder an, wie mein Leben: irgendwie leer und abgestanden, wie ein laues Glas Wasser vom Vortag und unendlich zäh, wie fester Schmelzkäse auf einer kalten Lasagne. Ich habe Hunger und halte inne. Da stehe ich nun, ringe schon fast um mein Gleichgewicht, unterzuckert, als würde ich aus der Rolle fallen, an Halt verlieren, wenn ich mich jetzt bewege. Das Bild des Parkplatzes verschwimmt für ganz kurze Zeit vor meinen Augen. Und als ich jetzt doch weitergehe - ich muss mich selbst richtig antreiben - kommt mir plötzlich, dass dieser Parkplatz, im erweiterten Sinne, mein wirkliches Leben repräsentierte! Wow. Ziemlich abgefahren.

Dunkel, ein paar Linien und Stationen, die mich gezeichnet, manches Mal sogar beeindruckt hatten. Und alle die früher einmal da und um mich waren, schienen plötzlich weg zu sein und nur ein Häufchen Schrott auf vier Rädern wartete auf mich. Wenigstens das.

Wäre dieser große Parkplatz, also die Fläche als Lebens-Zeit-Raum, wirklich mein Leben, wo würde ich da stehen? Ich hielt weiter inne. Mitten in der Nacht. Wo ist das wahre Licht in meinem jungen Leben? Was hatte ich denn bisher geschafft? Auf was konnte ich überhaupt stolz sein? Und was wollte ich eigentlich wirklich? Was machte mich glücklich? Stolz? Dankbar? Ich bewege mich etwas und spüre in mir die Bestätigung, dass die Brachfläche dieses Parkplatzes wirklich etwas mit mir macht und mein Leben sein könnte. Denn ein gutes Drittel hatte ich schon hinter mich gebracht. Ich blicke mich um. Wer müsste hier und da stehen? Simone? Meine allererste Freundin? Ganz hinten? Mutter oder Vater? Oh Gott nein, ich wollte doch nicht so werden wie Mutter und Vater! Oder bin ich schon auf dem besten Weg dorthin?

Und wenn ich dieses eine Drittel schon hinter mich gebracht hatte, was lag da noch vor mir? Gab es da eine Mitte? War dort irgendein Punkt, den es sich lohnte anzugehen? Welcher Weg war erstrebenswert und wenn überhaupt einer ... wohin sollte ich gehen? Ich bleibe erneut stehen, atme tief durch. Die jetzt warme Abendluft, gefüttert mit dem noch feuchten Duft des vergangenen Regens, füllte meine Lunge. Noch einmal – tief durchatmen. Ich spürte wie der Atem meinen Körper durchzog, erwache langsam wieder und beginne auf eine seltsame Art und Weise Neues zu fühlen. Auf einem leeren Parkplatz, fast mitten in der Nacht! Vielleicht fühle ich sogar wieder das erste Mal seit Jahren? Ich bin unverhofft und tief bewegt. Ein übermächtiges Gefühl, das sich schwer in Worte fassen lässt. In die Traurigkeit über mein bisheriges Leben mischte sich auch ein gewisser Stolz, gerade hier zu stehen und genau das, genau diesen scheinbar wichtigen Moment, wahrzunehmen. Die Füße in meinen Schuhen zu spüren, wie Wurzeln, die tief in die Erde ragten. Gleichzeitig auf irgendeine ganz spezielle Art und Weise nach oben verbunden, als Gäbe es Halt von oben. Gefühlt zog es mich voll und unglaublich angenehm, wie an Schnüren gehalten, nach oben, als würde meine Haare wie elektrisiert nach oben stehen. Ich richte mich plötzlich unwillkürlich auf, lasse meine Tasche fallen. Pflatsch, Pfütze, egal. Die Spritzer feuchtet meine Hose an, erfrischend und irgendwie anders. Überhaupt genau jetzt zu spüren, dass ich hier stehen konnte, und ich stehe, mit dem stolzen Gefühl etwas anderes zu machen als andere und auch als ich bisher selbst. Und es war nicht viel. Es war nicht viel zu tun. Jetzt plötzlich nicht einmal mehr schwach sondern immer fester. Das macht mir Mut. Demut? Oder soll es mir zu denken geben? Wer zu fest steht, kommt vielleicht nicht vom Fleck? Dieser andere Blickwinkel bringt mich wieder in Bewegung. Ich hebe meine Tasche wieder auf. Wenn der Ort an dem ich gerade stand meinen bisherigen Standpunkt im Leben repräsentierte, dann werde ich jetzt einfach weitergehen. Ich werde in den nächst höheren Gang schalten, um die Position zu verändern, wie ich es morgens getan, aber bisher nur geträumt, hatte. Ich drehe mich um und mache mich auf den Weg. Jetzt stehe ich in der Mitte dieses Parkplatzes und es geht mir verdammt gut! Mitte! Jetzt, genau jetzt fühlt es sich so gut an! Die Sorgen des Tages scheinen zu schwinden. Träumte ich, es beschwingt mich. Ich musste in meine Mitte kommen, das war's! Ich betrachte den Weg, den ich eben hinter mich gebracht hatte. Er war nicht kurz aber auch nicht üppig lang. Aber das Beste war, als ich den Entschluss gefasst hatte, mich zu bewegen, war es ein Leichtes diesen Weg zu gehen! Das war es! Ich brauchte einen Riesenarschtritt ins Leben! Und es gab nur einen Menschen auf dieser Erde der mir diesen geben konnte. Ich mir selbst!